Die Ikonenschreiberin Lucia Kolar erzählt von ihrer wachsenden Liebe zur bildtheologischen Tradition, dem Gebet mit Farbe und davon, wie sich durch die langsame, meditative Arbeit ihr Blick auf sakrale Kunst vertieft hat. Ikonen sind für sie kein Ausstellungsobjekt, sondern ein Ort der Begegnung – und ein Weg, der Menschen bis heute berührt.
Wie bist du zum Ikonenschreiben gekommen?
Ich hatte schon immer ein tiefes Interesse an der orthodoxen Tradition – an ihrer Spiritualität, ihren Gebeten und eben auch an den Ikonen. Mit der Zeit ist dieses Interesse immer stärker geworden. Irgendwann habe ich gespürt: Ich möchte nicht nur Ikonen anschauen, sondern selbst lernen, wie man sie schreibt. Für mich war das der natürliche nächste Schritt, um tiefer in diese Tradition einzutauchen.
Was macht dich zur „Wiederholungstäterin»? Was gibt dir diese Auszeit?
Es ist für mich wie eine kleine Pilgerreise – nur dass ich nicht nach aussen gehe, sondern nach innen. Im Kurs der Ikonen-Schule spüre ich Ruhe, Stille, Gebet. Ich merke, dass das Ikonenschreiben mich innerlich sortiert und mir Kraft gibt für meinen Alltag.
Was war oder ist für dich die grösste Herausforderung beim Ikonenschreiben?
Für mich sind es vor allem zwei Dinge: Geduld und Perfektion. Ikonenschreiben ist ein langsamer, meditativer Weg – jede Schicht braucht Zeit, man kann nichts erzwingen. Das fordert mich heraus, weil ich oft dazu neige, schnell Ergebnisse sehen zu wollen. Diese Langsamkeit fordert mich heraus und lehrt mich gleichzeitig, loszulassen und dem Prozess zu vertrauen. Gleichzeitig kämpfe ich mit meinem Drang nach Perfektion. Eine Ikone will nicht perfekt im menschlichen Sinn sein, sondern durchlässig werden für das Göttliche. Das anzunehmen, ist für mich die grösste Herausforderung – und zugleich das grösste Geschenk.
Was gelingt dir beim Ikonenschreiben am besten, welcher Arbeitsschritt fällt dir am leichtesten?
Am meisten Freude machen mir die filigranen Arbeiten, zum Beispiel das Verzieren von Attributen oder kleinen Details. Da komme ich in einen besonderen Flow – es ist, als ob die feinen Linien noch einmal eine eigene Sprache sprechen. Diese Zartheit liegt mir, und ich empfinde sie fast wie ein stilles Gebet mit dem Pinsel.
Ikonen im Museum – hast du schon besucht?
Ja, ich habe sie gesehen, und ich war tief bewegt. Aber gleichzeitig fühlte es sich fremd an: Ikonen gehören für mich eigentlich ins Gebet, in den Kirchenraum. Im Museum kann man sie bewundern, aber im Gebet kann man ihnen begegnen.
Hat sich dein Blick auf Christliche und/oder Sakrale Kunst verändert, seit du dich mit Ikonen beschäftigst?
Ja, auf jeden Fall. Früher habe ich sakrale Kunst vor allem als etwas Schönes angeschaut und bewundert. Seit ich selbst Ikonen schreibe, hat sich mein Blick vertieft. Ich sehe nicht mehr nur das Äussere, sondern spüre die geistliche Dimension dahinter – die Ikone ist kein Bild zum Bewundern allein, sondern ein Ort der Begegnung.
Wenn du, analog zur Ostkirche, den Kirchenraum mit Heiligenikonen ausfüllen dürftest …
Ich würde Heilige wählen, die mir persönlich nahe sind und die für verschiedene Facetten des Glaubens stehen:
- den Hl. Franziskus und die Hl. Clara von Assisi, weil ihre Radikalität in Armut und Freude mir immer wieder Wegweiser sind,
- den Hl. Carlo Acutis und die Hl. Chiara Luce Badano, als Zeichen, dass Heiligkeit jung, modern und mitten im Heute lebbar ist,
- die Hl. Teresa von Avila, weil sie für die Tiefe des Gebets steht,
- die Hl. Lucia, die für das Licht im Dunkeln und für meinen eigenen Namen steht,
- die Hl. Edith Stein, weil sie den Mut verkörpert, Denken und Glauben zu verbinden,
- und schliesslich die Heiligen Luzi, Ulrich und Afra, weil sie für die Wurzeln meines Glaubens in unserer Region stehen.
Zusammen wären sie für mich ein Mosaik aus Freude, Tiefe, Mut und Nähe – ein Bildprogramm, das den Himmel vielfältig zeigt.
Auf deinem Social Media Account hast du einen für dich sehr kostbaren Moment geteilt, du wurdest gesegnet durch eine Reliquie von Carlo Acutis. Ein zeitgenössischer Heiliger. Er wird meist in seinem roten T-Shirt und mit dem beige-blauen Rucksack porträtiert. Würdest du von ihm auch eine Ikone schreiben?
Ja, sehr gerne. Carlo ist für mich ein ganz besonderer Heiliger, weil meine Begegnung mit ihm nicht erst begonnen hat, als die Welt ihn kannte. Ich durfte ihn entdecken, noch bevor er seliggesprochen wurde. Ich war damals in Assisi an seinem Grab – das Grab war noch verschlossen, unscheinbar, fast verborgen. Und doch habe ich an diesem Ort etwas ganz Starkes gespürt: eine Gegenwart, eine Nähe, die schwer in Worte zu fassen ist.
Seine Geschichte hat mich tief berührt – ein junger Mensch, der mit derselben Leichtigkeit im Alltag stand wie wir, mit Computer, Jeans und Rucksack, und der doch mit einer solchen Klarheit auf die Eucharistie hingewiesen hat. Für mich ist Carlo ein lebendiges Zeugnis, dass Heiligkeit nichts Abgehobenes ist, sondern mitten in unserer Zeit möglich.
Wenn ich eine Ikone von ihm schreiben würde, dann würde ich diese Einfachheit und Reinheit sichtbar machen. Sein rotes T-Shirt finde ich sehr stimmig, weil Rot in der Ikonographie für Liebe, Hingabe und das Feuer des Heiligen Geistes steht – und genau das verkörpert Carlo.
Du zeigst deine Ikonen und ihre Entstehung auch auf deinem Social Media Account. Was für Feedback bekommst du dafür? Konntest du so schon Leute aus deinem Umfeld für Ikonen und das Ikonenschreiben begeistern?
Ich bekomme oft Rückmeldungen, die mich wirklich berühren. Viele Menschen sind überrascht, weil sie Ikonen bisher nur aus Kirchen oder Museen kannten und gar nicht wussten, wie lebendig dieser Prozess sein kann. Manche berichten, dass sie beim Anschauen meiner Arbeiten innerlich zur Ruhe kommen oder selbst neugierig werden, das Ikonenschreiben auszuprobieren. Es ist schön zu sehen, dass meine Begeisterung ansteckend wirkt und andere Menschen auf ihrem Weg berührt.
Was ich noch sagen wollte:
Für mich ist das Ikonenschreiben weit mehr als Kunst – es ist Gebet mit Händen und Herz. Jede Ikone ist ein kleines Fenster zum Göttlichen, und jeder Moment, den ich damit verbringe, verändert auch mich selbst. Ich wünsche mir, dass noch mehr Menschen diesen Weg entdecken – denn er schenkt nicht nur Ruhe und Freude, sondern öffnet das Herz und macht Gott auf leise Weise sichtbar.
Herzlichen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Dir weiterhin viel Freude mit den Ikonen und Gottes Segen.
